September 17, 2009
Protest
Als Bärtschi bei der Fachschule Richemont in Luzern vorbeifährt, traut er seinen Augen nicht. Das Richemont ist quasi eine Uni der Bäcker-Konditor-Confiseure und Verkäuferinnen, die ETH der Torten und Brote. Eine Menschenmenge behindert den Zugang zum Gebäude, hat die Einfahrt in die Tiefgarage verbarrikadiert und hält unleserliche Transparente in die Höhe. Der Anführer heizt die Menge mit dem Megafon auf. Studentenunruhen? An der Richemont?
Bärtschi parkiert auf der anderen Strassenseite, kämpft sich durch die Schaulustigen nach vorne. Immer wieder halten ihm Radio- und Fernsehreporter Kameras und Mikrofone ins Gesicht. Universitätsleiter Bösch, sekundiert von seinen Kollegen Zimmerli, Küng und Eggenschwiler, versucht die aufgebrachte Meute zu beruhigen. Man werde sich kümmern und für alle Beteiligten eine Lösung finden, versichert Bösch, was in den Schlachtrufen der Aufgebrachten untergeht.
„Was ist denn hier los?“, erkundigt sich Bärtschi, als er es endlich zum Eingang geschafft hat.
„Eine Studentenrevolte!“, antwortet Eggenschwiler prustend.
„Weswegen?“
„Zu viele Interessenten. Direktor Bösch hat in einem Interview laut über einen ‚Numerus clausus’ nachgedacht.“
Im selben Moment kommt eine Cremeschnitte geflogen, die Eggenschwiler knapp verfehlt. Er kratzt etwas Vanillecreme von der Bluse.
„Instantvanillecreme!“, stellt er enttäuscht fest.
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Verfasst von november69
September 5, 2009
Unternehmensberater
Verstört sieht Bärtschi in den Korpus der Bäckerei. Da, wo normalerweise die Canapés stehen, finden sich Toastbrotscheiben, Spargeln, Eierscheiben, Tomatenschnitze, Salamirädchen, Lachstranchen, Thonmousse … jede Zutat separat in Plastik verpackt. Bei den Torten dasselbe. Aufgeschnittene Biscuits, Schokoladenganachen, Japonaisböden … ebenfalls einzeln in Cellophan eingeschweisst. Ähnliche Zustände finden sich in der Truffesvitrine, bei den Patisserien, im Brotgestell … kurz gesagt: es gibt in dem Laden kein einziges fertiges Produkt. Alles scheint in seine Einzelteile zerlegt ausgestellt und der Kunde soll sozusagen im Baukasten- oder Modulsystem seinen Wunsch selber zusammenstellen.
„Können Sie mir vielleicht Ihr neues Verkaufskonzept erklären?“, fragt Koni Bärtschi die grell geschminkte Verkäuferin bei der Kasse, die sich gelangweilt ihren frisch lackierten Fingernägeln widmet.
„Kennen Sie nicht?!“, entgegnet sie lässig.
„Das ist das IKEA-Prinzip. Irgend so ein junger Unternehmensberater mit Schlips hat dem Chef das System verkauft. Die Produktionskosten werden quasi an den Kunden ausgelagert.“
„Und? Läuft’s?“, fragt Bärtschi spöttisch.
„Nicht wirklich. Er hat den Berater aus Kostengründen auch gleich outgesourct“, antwortet sie ohne Zögern.
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Verfasst von november69
August 27, 2009
Live
In mancher Bäckerei-Konditorei hat der Kunde heute die Möglichkeit, direkt in die Backstube zu blicken, wo sein Brot oder seine Geburtstagstorte hergestellt wird. In anderen Betrieben gibt’s aus den Produktionsräumen eine Liveübertragung via Monitor. Totale Transparenz.
Bärtschi macht sich gerade über ein Carac her, als seine Aufmerksamkeit auf den Fernseher über dem Buffet des Cafés fällt. Der Meister und seine Frau liefern sich gerade ein Wortgefecht, live aus der Backstube. Inzwischen haben alle Gäste ihre Zeitungen weggelegt und schauen ebenfalls gespannt hin. Der am Bildschirm übertragene Zwist entwickelt sich zu einer wahren Schimpftirade. Offenbar hat der Meister eine Bestellung falsch ausgeführt und will die Schuld nun auf seine Frau abwälzen, die den Kundenauftrag notiert hatte.
„Hier steht’s doch! Für 80 Personen! Nicht 80 Kilo!“, brüllt sie ihren Mann an. Er schreit mit hochrotem Kopf zurück, diese Klaue könne ja auch kein Mensch lesen. Gegenseitig schaukeln sie sich den Blutdruck hoch. Als der Meister seine Frau eine dumme Kuh nennt, schleudert sie ihm treffsicher eine Erdbeerblätterteigtorte ins feiste Gesicht. Das weibliche Publikum klatscht begeistert. Die Männer solidarisieren sich buhend mit dem Bäckermeister. Nur Bärtschi bleibt neutral.
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Verfasst von november69
August 20, 2009
Just in time
Inzwischen hat es in manchem Café Einzug gehalten, dass die Servicemitarbeiterin die Bestellung nicht mehr im Kopf oder auf einem Papierblock speichert, sondern in einen elektronischen Bestellcomputer eintippt. Der Auftrag wird unmittelbar und virtuell ans Buffet oder in die Küche übermittelt. Wenn die Bedienung kommt, steht die Bestellung bereits für die Lieferung an Tisch 16 oder so parat. Ausserdem ist alles mit dem Lager- und Bestellwesen sowie der Buchhaltung und der Kostenstellenrechnung vernetzt und somit immer auf dem neusten Stand. Up to date, wie es im Volksmund heisst. Wenn Frau Meier also ihre heisse Schokolade in Auftrag gibt, weiss der Campesino im peruanischen Cochabamba spätestens drei Minuten später Bescheid, dass er wieder eine Cacaobohne schlachten muss, um die Just-in-time-Logistik der schweizerischen Café-Konditorei-Bäckerei-Maschinerie in Schwung zu halten.
„Einen Aprikosenkuchen mit Streusel bitte“, sagt Bärtschi freundlich.
Hochkonzentriert tippt der Kellner die Bestellung ein, was seine Zeit dauert.
„Dazu einen Milchkaffee.“
Der Mann tippt weiter, ohne Bärtschi eines Blickes zu würdigen.
Schliesslich schaut der Mann Bärtschi an.
„Sie wünschen?“
„Wie ‚Sie wünschen?’ Sie haben meine Bestellung doch eben eingetippt?“
„Nein, ich habe nur die Fussballresultate gecheckt. Also, was hätten Sie denn jetzt gerne?“
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Verfasst von november69
August 9, 2009
Hobby
Koni Bärtschi sitzt in der Gartenwirtschaft der Altdorfer Konditorei-Bäckerei Danioth und liest den Urner Boten, während er sich andächtig eine Praliné nach der anderen einverleibt.
Unter den Bäcker- und Konditormeistern sind ausgefallene Hobbys sehr verbreitet. Auch der Chef dieses Traditionsbetriebs gehört zur Sorte „Hobbyextremisten“. Kanufahren auf dem Yukon oder Alpenpässe auf dem kräftig motorisierten Zweirad zu bezwingen sind nur zwei Varianten, mit denen der seine karge Freizeit totschlägt.
„Bringen Sie mir noch eine Zwetschgenwähe“, bittet Bärtschi den quirligen Kellner im Vorbeigehen.
Als der mit der Bestellung zurückkehrt, fragt er ihn forsch, welchem Hobby der Inhaber denn momentan gerade verfallen ist.
Im selben Augenblick verdunkelt sich überraschend der Himmel. Ein fliegendes Etwas fegt Pralinenschachtel, Getränke, den Ständer mit den Speisekarten und den Früchtekuchen vom heftig wackelnden Tischchen und segelt unter lautem Getöse in die Glasfront zum Café. Begleitet von weiblichem Gekreische senkt sich langsam ein buntes, leichtes Tuch über die gut besetzte Gartenterrasse und deckt alles unter sich zu. Ist das Gleitschirmseide? fragt sich Bärtschi.
„Der Chef ist gerade eingetroffen. Fragen Sie ihn doch gleich selber“, entgegnet der Kellner trocken.
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Juli 23, 2009
Denglish
„Coffee Point?“, liest die handtaschenbestückte Seniorin stotternd vor der Selbstbedienungstheke der McBakery stehend.
„Seit unser Dorfbäcker mit dem Töff durch die USA gefahren ist, schreibt er alles englisch an“, lästert die Dame neben ihr.
„Was sind denn ‚Muffins’? Und ‚Brownies’?“
„Verärgerte Gipfeli vielleicht? Brownies? Früher haben sie Verbranntes noch weggeworfen“, mutmasst die Dame.
„Und ‚Cookies’ mit Haselnüssen?“
Die Gefragte zuckt nur mit den Schultern.
„Bei den Birchermüesli und Sandwiches steht jetzt ‚Take away’“, stellt die Seniorin fest. „Schöne deutsche Wörter wie Sandwiches werden einfach so ersetzt“, entgegnet die Kollegin resigniert. An der Wand hängt ein Plakat, das auf einen ‚Chocolate Event’ hinweist. Das ‚Highlight’ des Abends wäre eine Verkostung verschiedener Pralinen, ‚Kids’ seien willkommen, ‚Tickets’ kriege man beim ‚Cashier’ des ‚Shops’ und es werde eine ‚happy Party’ mit viel ‚Power’ werden.
Bärtschi steht hinter den beiden Frauen und wartet geduldig, bis sie sich entschieden haben, was sie nun kaufen wollen.
„Geben Sie mir ein Prussiens“, meint die Seniorin zur Verkäuferin.
„Prussiens? Das haben wir nicht“, antwortet sie, offensichtlich ein Lehrling.
„Aber da liegen doch welche? Die, die aussehen wie Brillen.“
„Ah, Sie meinen die ‚Eye catcher’.“
„Meinetwegen.“
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